HARMSSEN SAGT...

RĂśCKKEHR ZUR NORMALITĂ„T IM KONTEXT FORTSCHREITENDER DITGITALISIERUNG?

Seit einem Jahr begleiten uns nun Social-Distancing-MaĂźnahmen und Lock-downs durch den Alltag. Mit der Zulassung der ersten Impfstoffe in der EU, dem Start der Impfkampagnen fĂĽr Risikogruppen und den langsam abflachenden In-fektionszahlen war die RĂĽckkehr zur Normalität ein wenig greifbarer geworden. Diese RĂĽckkehr gestaltet sich nun allerdings deutlich schwieriger als noch vor ein paar Wochen erhofft. Lieferengpässe bei den Impfstoffen und Virus-Mutati-onen, die offenbar deutlich ansteckender und gefährlicher sind, als das Wildtyp Virus – und nun leider auch wieder steigende Infektionszahlen ... 

Krisen verändern die Welt. Das Virus hat unseren Alltag ver-ändert, insbesondere unsere Kommunikationsformen, die Art, wie wir arbeiten, fühlen und denken. Eine Fülle von Verhaltens-änderungen hat unser Leben erfasst, und manch einer beginnt, sich daran zu gewöhnen. Die Frage, die zu stellen ist, lautet: Was davon wird als Verän-derung dauerhaft überleben?
Ich sprach kürzlich mit einem leitenden Mitarbeiter einer gro-ßen deutschen Fondsgesellschaft mit mehreren Hundert Mit-arbeitern. Er erklärte mir, man habe in 2020 pro Mitarbeiter ca. 6.000 EURO eingespart allein dadurch, dass deutlich weniger Kosten für Reisen, Übernachtungen, Konferenzen, Präsenzver-anstaltungen usw. entstanden seien. Dennoch habe man bei den verwalteten Assets deutlich zugelegt, womit man nicht ge-rechnet habe. Man werde zwar – nach Überwinden der Pande-mie – wieder auch Veranstaltungen vor Ort durchführen, aber sicherlich deutlich weniger als zuvor.
Keine Frage: ganz ähnliche Erfahrungen werden auch andere Firmen und Unternehmen gemacht haben und daher beschlie-ßen, dass viele Treffen und Besprechungen mit Kunden zukünftig genauso effizient über die inzwischen zahlreichen digitalen Konferenzsysteme abgehalten werden können. Auch die Kommunikation zwischen niedergelassenem Arzt und seinen Patienten verändert sich: Küchentisch statt Wartezimmer, Mausklick statt Händedruck - der Besuch beim Arzt wird digital. Ob eine Erstbehandlung wegen Unwohlseins oder eine Konsultation für ein chronisches Leiden: Immer mehr Menschen in Deutschland vertrauen sich ihrem Arzt online an. Auslöser: Aus Angst vor Ansteckungen nutzen Tausende Patienten, für die das zuvor keine Option war, die Telemedizin. Ca. 25.000 zumeist niedergelassene Allgemein- und Fachmediziner bieten in Deutschland mittlerweile Videosprechstunden an - entweder über eine Internetkonferenz in der Praxis oder ein Portal wie die Plattform Teleclinic. In den USA nutzen laut einer Umfrage des Telemediziners Avizia immerhin schon 18 Prozent das digitale Angebot von Ärzten.

Auch die Arbeitswelt wird sich ändern; die „erzwungene“ Arbeit im Home-Office im Dienstleitungssektor hat viele Vorteile, die sich erst in der Pandemie offenbart haben: flexibles und fami-lienfreundlicheres Zeitmanagement, Vermeidung von Fahrten zum Büro und wieder zurück usw. So hat Microsoft für seine Mitarbeiter in den USA kürzlich eine dauerhaft gültige „Work from home policy“ verabschiedet – man schätzt bei Microsoft, dass im gesamten globalen Dienstleitungssektor insgesamt künftig ca. 30 Prozent der Mitarbeiter von zuhause aus arbei-ten werden.
Wie man es auch dreht und wendet: Die Welt nach Corona wird eine andere sein als vor Corona. Die Pandemie hat - wie ein Katalysator - die zunehmende Durchdringung unseres Le-bens durch die Digitalisierung noch einmal beschleunigt – und dieser Prozess ist m. E. längst nicht abgeschlossen, sondern erst in einem frühen Stadium.
Digitalisierung – für viele eine Entwicklung, die Angst macht. Ja, natürlich machen der technische Fortschritt und die Digitalisierung auch vor militärischen Entwicklungen nicht halt. Heutzutage werden z. B. bewaffnete Drohnenangriffe im Nahen Osten per Joystick von der Ramstein Air Base der US-Armee gesteu-ert. Aber: auch lebensnotwenige Operationen am Herzen von Patienten werden mittlerweile von Spezialisten digital und on-line über die Fernsteuerung von medizinischen Robotern er-folgreich gesteuert.
Digitalisierung ist also per se nichts Schlechtes. Und: alle gro-ßen Errungenschaften waren immer Fluch und Segen zugleich. Es kommt immer auf die Perspektive und die Anwendung an. Die Technik an sich ist also zunächst neutral. Der ethische As-pekt kommt erst hinzu, wenn die Technik als Mittel für einen konkreten Zweck eingesetzt wird. Ob „gut“ oder „schlecht“ hängt lediglich davon ab, wie man den Zweck moralisch bewertet.
Und wenn wir die Möglichkeiten der Digitalisierung vernünftig nutzen, stehen wir nicht am Ende des Fortschritts, sondern fangen erst richtig damit an.